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Manche grammatische Strukturen werden nicht bewusst gelernt, sondern über einen längeren Zeitraum hinweg durch alltägliches Sprechen entwickelt. Andere grammatische Strukturen werden bewusst gelernt und geübt. Hierbei hat eine direkte Fehlerkorrektur einen durchaus positiven Einfluss.


Grundlagen beim Unterrichten sprachlicher Strukturen

  • Grammatik sollte immer im Dienste der Kommunikation stehen,
  • am besten immer kontextgebunden üben: Verben in Dialogen oder Gesprächen,
  • Wortschatz immer mit Bildern und in Situationen einführen,
  • neue grammatische Strukturen an bekanntem Wortschatz üben,
  • grammatische Strukturmuster geben und diese mit verschiedenen Inhalten füllen (lassen),
  • Fehlerkorrektur nur bei der Einübung von Strukturmustern,
  • Einbettung der Grammatik in die Bereiche des Deutschunterrichts (→funktionale Grammatik) z.B. generatives Schreiben oder Sprechen (vgl. Belke), Üben von Perfekt- oder Präteritumsformen in Anlehnung an fiktionale Texte,
  • Grammatikarbeit in Anlehnung an einen Fachtext, z.B. Üben von Passivkonstruktionen, Nominalisierungen etc.,
  • spiralcurriculares Vorgehen, d.h. grammatische Phänomene tauchen spiralförmig auf und werden erweitert, z.B. Akkusativ erst mit dem bestimmten Artikel, später mit unbestimmtem,
  • Farben können strukturieren helfen: bei dem Genus der Substantive haben sich blau für „der“, rot für „die“, grün für „das“ und gelb für „die“ (Plural) bewährt. Andere Wortarten, Kasus oder Satzglieder können auch farbig markiert werden, z.B. Verben rot (später ist dann das Prädikat rot),  Akkusativ grün (dann später das Akk.- Objekt auch grün), Dativ braun (später das Dativ-Objekt auch braun). Hier empfiehlt es sich, in der Schule einheitlich vorzugehen, sich auf Farben zu einigen.

Methoden

Die Grammatikvermittlung kann nach Jeuk und Schäfer (2008) beiläufig oder ausdrücklich (ab ca. Mitte 3. Klasse) erfolgen. Schülerinnen und Schüler können in beiden Bereichen nachahmend oder entdeckend lernen:

  • Beiläufig-nachahmend: unbewusstes Lernen grammatikalischer Formen (z.B. beim Singen oder beim Nachsprechen von Reimen/Versen).
  • Beiläufig-entdeckend: es kann dabei zur Wahrnehmung grammatischer Phänomene kommen, ohne jedoch eine vertiefte Reflexion.
  • Ausdrücklich-nachahmend: explizite, bewusste Lernform, bei der nach einer bestimmten Vorgabe grammatische Strukturen identifiziert oder selbst gebildet werden sollen (z.B. Perfektformen im Rahmen eines Lernspiels).
  • Ausdrücklich-entdeckend: Durch Vergleichen und Sortieren vorgegebenen Sprachmaterials sollen bestimmte Strukturen und sprachliche Regeln entdeckt werden. Die Eigentätigkeit fördert die Behaltenstiefe. Dies schließt steuernde Hilfen durch die Lehrkraft nicht aus, Schülerinnen und Schüler sollten aber prinzipiell selbst die Sprache erforschen.

Grießhaber (2010) entwickelte Erwerbsstufenmodelle für den Erwerb von Satzmustern, mit denen die Lehrkraft die Schülerinnen und Schüler in Profilstufen einordnen kann. Auf Grundlage dieser Basis kann sie die Lernerinnen und Lerner zielgerichtet fördern und auf die nächste Stufe führen. Jeuk (2008) entwickelte Erwerbsstufenmodelle für den Genuserwerb. Als Grundlage für die Einordnung in eine Stufe sollten Schülertexte analysiert werden. Jeweils drei Belege sollte man haben, um eine Schülerin und einen Schüler einordnen zu können.


Grammatische Progression

Oft wird die grammatische Progression vom Lehrwerk vorgegeben. Man darf als Lehrkraft jedoch durchaus die Reihenfolge ändern.

Es gilt dabei jedoch drei Regeln zu befolgen:

  • Das sprachsystematische Argument: Welche Vorgehensweise lässt sich aus dem Sprachsystem selbst ableiten? Nominativ hat Subjektfunktion, er steht in Aussagesätzen an erster Stelle; also Nominativ vor Akkusativ einführen.
  • Das didaktische Argument: Was ist leichter, was schwerer? Nominativ ist leichter zu deklinieren als Akkusativ oder Dativ; daher Nominativ vor Akkusativ einführen, als letztes Dativ.
  • Das pragmatische Argument: Was ist sinnvoll im Bezug auf die Sprachverwendung der Lernenden? Erste Äußerungen über sich und andere können im Nominativ erfolgen, in Bezug auf Gegenstände oder weitere Personen ist Akkusativ und Dativ nötig.

Zur Übersicht über die Wortarten im Deutschen (ohne Numerale und Partikel) sind hier Schilder zu sehen. Sie können im Klassenzimmer ausgehängt werden. Die Wortartensymbole, in Anlehnung an Montessori, haben sich in der Praxis mit ausländischen Schülerinnen und Schülern sehr bewährt. Die Schülerinnen und Schüler markieren die Wörter in leichte Sätzen mit diesen Symbolen. 

 

Eine Übersicht über die Symbole und die Farben für Satzglieder dient zur eigenen Orientierung. Hilfreich ist es, wenn man sich in der ganzen Schule auf gleiche Farben und Symbole einigt.


Aus unseren Erfahrungen sind folgende Progressionsschritte sinnvoll. Wer sich näher und ausführlicher mit den Problembereichen der deutschen Grammatik beschäftigen möchte, kann gerne einen Blick auf das Projekt der Stiftung Mercator zur Sprachförderung von Grundschulkinder mit Migrationshintergrund werfen.

1. Lernjahr

Verben:

  • regelmäßige und häufig gebrauchte erste Verben: zunächst nur in 1. und 2.Person Einzahl, in Dialogen üben, später alle Personalformen,
  • unregelmäßige Verben im Präsens, die die Lernerinnen und Lerner benötigen,
  • trennbare Verben; sie sind gut mit Tagesablauf einzuführen: ich stehe auf, ich kaufe ein usw.,
  • reflexive Verben, die ebenso mit Tagesablauf trainiert eingeführt werden können: ich wasche mich, ich ziehe mich an usw.,
  • Modalverben: müssen, können, dürfen, usw.,
  • Zeitform Präsens, recht früh auch Perfekt einführen, aus Erfahrung empfiehlt es sich vor Weihnachten,
  • Präteritum nur von Modalverben und von sein und haben, da man diese eher im Präteritum benutzt,
  • Verben mit Präpositionen: warten auf (Akk.), denken an (Akk.), sprechen mit (Dat.),
  • Substantive,
  • die Substantive mit Artikel und im Singular und Plural einführen, da es sehr verschiedene Möglichkeiten gibt, den Plural zu bilden.

Folgende Materialien könnten hilfreich sein bei der Konjugation von Verben:

Adjektive:

  • erste Adjektive mit Komparation: schnell – schneller als – am schnellsten,
  • Deklination ja, aber sehr schwer (spiralcurricular vorgehen).

Artikel/Possessivartikel:

Pronomen:

  • Personalpronomen im Nominativ  (ich, du ...) , Akkusativ (mich, dich...) und Dativ (mir, dir …),
  • Indefinitpronomen (ein, eine...).

Folgende Materialien könnten bei der Arbeit mit Pronomen hilfreich sein:

Kasus:

  • erst Nominativ: Was ist das? Das ist der Tisch.
  • dann Akkusativ: Was siehst du? Ich sehe den Tisch. Wohin gehst du? Ich gehe in den Verein.
  • dann Dativ: Wo ist …? Es ist in der Schule. Wem gibst du …? Ich gebe es meinem Vater.
  • die Fälle Akkusativ und Dativ lieber in Bezug mit den Verben einführen als mit Präpositionen.
  • Verben mit Akkusativ: kochen, backen, lesen, schreiben … Ich koche die Suppe.
  • Verben mit Dativ: helfen, schenken, geben … Ich helfe meiner Mutter.
  • recht früh den Akkusativ einführen (im ersten Lernjahr vor Weihnachten).

Folgende Schilder könnten der Visualisierung dienen, was sich im Akkusativ und Dafiv verändert:

Hier finden sich ausgewählte Verben, die den Akkusativ nach sich ziehen und hier finden sich ausgewählte Verben, die den Dativ nach sich ziehen.

 

Präpositionen:

  • die lokalen Präpositionen an,auf, bei, hinter, in, neben, über, unter, vor, zwischen sind Wechselpräpositionen:
  • auf die Frage Wohin? folgt der Akkusativ. Beispiel: Wohin gehst du? - in die Schule,
  • auf die Frage Wo? folgt der Dativ. Beispiel: Wo bist du? - in der Schule,
  • Zur Verdeutlichung kann man immer ergänzen: Wenn eine Bewegung erfolgt (Wohin?), dann Akkusativ. Ohne Bewegung (Wo?), folgt der Dativ,
  • leichter ist es, die Präpositionen getrennt einzuführen, z.B. zunächst nur die mit Wohin?
  • oder: erst die Präpositionen einführen, die den Akkusativ erfordern: entlang, durch, um, gegen, für, bis, ohne. Dann die Präpositionen, die den Dativ erfordern: aus, bei, mit, von, seit, nach, zu – finden Dativ immerzu. Und dann erst die Wechselpräpositionen.

Folgende Materialien können bei der Arbeit mit Präpositionen helfen:

Sätze:

  • Satzstellung im Aussagesatz: Wichtig ist die Verbzweitstellung im Deutschen: Prädikat ist immer zweites Satzglied! Inversion: Ich frühstücke. Aber: Morgens frühstücke ich.
  • Satzstellung im Fragesatz: Verb (Prädikat) steht vorne,
  • Satzarten und ihre Satzschlusszeichen (. ! ?),
  • Hauptsatz + Hauptsatz mit nebenordnenden Konjunktionen wie und, oder,
  • Satzverneinung mit nicht.

Wortbildung:

  • Endungen von Substantiven: -heit, -keit, -nis, -schaft, -tum,
  • Endungen von Adjektiven: -ig, -lich, -bar,
  • Aus zwei Nomen zusammengesetzte Substantive: Haustür, Schlüsselloch.

Um Nomen/Substantive zu identifizieren, kann man verschiedene Proben anwenden. Folgende Übersicht könnte der Orientierung dienen:

 

2. Lernjahr

Verben:

  • Zeitformen: Präteritum, Plusquamperfekt, Futur,
  • Verbstellung in Nebensätzen,
  • Aktiv, Passiv,
  • Konjunktiv.

Adjektive:

  • Deklination der Adjektive.

Wortbildung:

  • Substantive werden zu Adjektiven, z.B. pausenlos,
  • Verben werden zu Substantiven: die Verpackung,
  • Verben werden zu Adjektiven, z.B. käuflich.

Sätze:

  • Satzbau in Sätzen mit verschiedenen Satzgliedern (Umstellprobe hilfreich, um die Satzglieder zu eruieren),
  • Satzverbindung Hauptsatz+Hauptsatz mit trotzdem, deshalb,
  • Hauptsatz+Nebensatz mit den Konjunktionen weil, wenn, dass, da,  
  • Relativsätze.

Als Übersicht über die grammatischen Inhalte verweisen wir auf die „Schritte Grammatik“ vom Hueber-Verlag:


Literatur

Belke, Gerlind & Geck, Martin: Das Rumpelfax: Singen, spielen üben im Grammatikunterricht.Handreichungen für den Deutschunterricht in mehrsprachigen Lerngruppen. 2. Aufl. Baltmannsweiler: Schneider Verlag Hohengehren 1996, 2007.

Belke, Gerlind: Poesie und Grammatik. Kreativer Umgang mit Texten im Deutschunterricht mehrsprachiger Lerngruppen. Für die Vorschule, Grundschule und Orientierungsstufe. Baltmannsweiler: Schneider Verlag Hohengehren 2007.

Grießhaber, Wilhelm: Spracherwerbsprozesse in Erst- und Zweitsprache. Eine Einführung. Duisburg: Universitätsverlag Rhein-Ruhr 2010.

H.Funk und M.König: Grammatik lehren und lernen.  München: Langenscheidt 1991.

Jeuk, Stefan: Der Katze sieht den Vogel. Aspekte des Genusserwerbs im Grundschulalter. In: Ahrenholz, Bernt (Hrsg.): Zweitspracherwerb. Diagnosen, Verläufe, Voraussetzungen. Beiträge aus dem 2. Workshop Kinder mit Migrationshintergrund. Freiburg i.B.: Fillibach 2008. S. 135-150.

Jeuk, Stefan & Schäfer, Joachim: Schriftsprache erwerben. Didaktik für die Grundschule (überarbeitete Auflage). Berlin: Cornelsen Scriptor 2013.

Tschirner, Erwin: Lernergrammatiken und Grammatikprogression. In: Skibitzki, Bernd & Wotjak, Barbara (Hrsg.): Linguistik und Deutsch als Fremdsprache. Festschrift für Gerhard Helbig. Tübingen: Niemeyer 1999. S. 227-240.

Zum Generativen Schreiben empfehlen wir folgenden Artikel: http://www.goethe.de/ins/eg/kai/pro/BK/DownFB/Mueller/GenerativesSchreiben.pdf.