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„Ich kenne nicht eine einzige Gesprächssituation, die wegen grammatischer Unsicherheit oder Unkenntnis zusammengebrochen wäre, wohl aber sehr viele Fälle, die wegen unbekannter Wörter nicht zustande kamen.“ (Freudenstein, 1999, S. 544).

Ziel jedes DaZ-Unterrichtes muss es sein, die Schülerinnen und Schüler zum sprachlichen Handeln in der Zweitsprache zu führen. Dazu brauchen sie in erster Linie Wortschatz, denn ohne Wörter kann man sich nicht verständlich machen. Laut Storch (1999) geht es darum,dass

  • der Wortschatz dauerhaft, schnell abrufbar, vielseitig verknüpft und sprachlich korrekt im Gedächtnis verankert wird,
  • beim Verstehen von Äußerungen und Texten unterstützt und
  • zur erfolgreichen Realisierung von Sprech- und Schreibabsichten in konkreten Kommunikationssituationen dient.

Einführung von Wortschatz

Ausgangs- und Endpunkt jeder Wortschatzarbeit ist das Training der Fertigkeiten „hören, sprechen, lesen, schreiben“. Wortschatz sollte aber nicht isoliert eingeführt werden, sondern in einem Kontext bzw. in authentischen Situationen. Dies erleichtert das Verstehen, fördert die Bildung assoziativer Verbindungen im Gehirn und sorgt so für eine bessere Verankerung im Langzeitgedächtnis. Als Einstieg kann ein gelesener Dialog, ein Situationsbild oder ein Rollenspiel, ein Lehrervortrag (z.B. Vorstellung einzelner Personen einer Familie) oder ein Lesetext dienen

Grundsätzlich sollte so vorgegangen werden: hören -  sprechen - lesen - schreiben.

Bei der Vermittlung von Wortschatz sollten zunächst einfache, kurze Wörter, die konkrete Sachverhalte darstellen, eingeführt werden; später häufig gebrauchte, transparente Wörter und schließlich längere, komplexere Wörter. Bei Sprachanfängerinnen und Sprachanfänger bietet sich die Vermittlung mit Hilfe von Realien oder Bildkarten an. Vor allem bei Substantiven, Verben und Adjektiven ist dies gut möglich. Besonders in den ersten Monaten macht es Sinn, Wörter in Wortfeldern einzuführen (Bsp. Schulsachen, Dinge im Klassenzimmer, Farben, Kleidung, Körperteile, Adjektive in der Grundform, erste Verben). Jedes Wort sollte zunächst vorgesprochen werden, damit die Schülerinnen und Schüler mit dem Klang der Wörter vertraut gemacht werden. Es ist umstritten, ob im Chor nachgesprochen werden sollte. Der Vorteil ist, dass die einzelne Schülerin und der einzelne Schüler sich in der Gruppe etwas verstecken kann, wenn er sich noch unsicher beim Sprechen fühlt. Schamgefühle bei falscher Ausprache können so vermieden werden. Andererseits ist das Sprechen im Chor keine alltagsübliche Form des Sprechens. Von daher wäre das Üben des Wortschatz im Rahmen von Dialogen natürlicher. Neuer Wortschatz sollte mehrfach gehört und von der Schülerschaft gesprochen worden sein, bevor ihnen das Schriftbild in Form einer Wortkarte präsentiert wird. Die Schülerinnen und Schüler lesen dann die Wörter und schreiben sie schließlich ins Vokabelheft. Die Bedeutung wird entweder in ihrer Muttersprache zusätzlich aufgeschrieben oder gezeichnet (z.B. wenn das Kind in seiner Muttersprache nicht schreiben kann).

Eine 1:1 Übersetzung kann problematisch sein, da bei einer Bedeutungselemente einer Sprache verloren gehen können, weil die sprachliche bzw. kulturelle Anbindung fehlt. Außerdem weiß die Lehrkraft nicht, ob das Kind das Wort richtig übersetzt hat. Aber auch ein einsprachiges Vorgehen kann schwierig sein, da Unbekanntes mit Unbekanntem erklärt wird.

Untersuchungen zufolge brauchen viele Menschen 8-10 Wiederholungen, um ein Wort aus dem Lautstrom filtern zu können, mehr als 20 Wiederholungen um die Bedeutung zu ordnen und mehr als 50 Wiederholungen bis ein Wort eigenständig gebraucht werden kann. Dabei kommt der Lehrkraft im DaZ-Unterricht zu Gute, dass die Schülerinnen und Schüler in ihrer Umgebung viele Wörter bereits aufgeschnappt haben.

Neben Wortlisten bietet es sich auch an, mindmaps anzulegen, um der Schülerschaft beispielsweise nicht nur Substantive, sondern Wörter verschiedener Wortarten und den Wortschatz zu vermitteln, mit dem er Sätze bilden kann. Dazu bieten sich Situationsbilder (z.B. Auf der Straße, im Park, am Bahnhof…),  zu denen sich die Lernenden äußern sollen, an. Am Anfang des Sprachlernprozesses beginnen die Schülerinnen und Schüler den Satz mit „Das ist…“. Die Schülerin und der Schüler muss so nur den Nominativ verwenden. Ist der Akkusativ eingeführt, kann der Satz auch mit „Ich sehe…“ begonnen werden. Die Lehrkraft kann dann ein mindmap mit dem neu erlernten und teilweise bekanntem Wortschatz erstellen. Daraus können sich dann wieder Schreibaufgaben ergeben (z.B. 10 Sätze zum Bild schreiben, einen Dialog in Partnerarbeit entwickeln, Wörter nach Wortarten ordnen, Substantive im Singular und Plural notieren) etc.


Verfahren der Wortschatzvermittlung

Bei der Wortschatzvermittlung sollte auf eine vernetzte, ganzheitliche, handlungs- und prozessorientierte Vorgehensweise geachtet werden.
Anfängern sollten zunächst anschauliche Begriffe gelehrt werden, je fortgeschrittener die Gruppe, umso eher können auch abstrakte Begriffe eingeführt werden.

  • nonverbal (bei konkreten Dingen, Eigenschaften von Dingen, Verben) über Realien, Bild-Wortkarte, Situationsbild oder auch Vorspielen/Pantomime
  • verbal über Wortfelder/Wortfamilien, Angabe von untergeordneten Wörtern, Synonyme-Antonyme, Reihung, Pantomime (z.B. bei Verben), Paraphrase (Kontext, Definition), Zeigen der graphischen und lautlichen Entsprechung bei Internationalismen, Parallele (Analogie, Gleichung) - z.B. bei Größen, Maßen -, Komposita/Ableitungen oder selbstständiges Erschließen aus Kontext oder mit Hilfe des Wörterbuches (sehr schwierig, funktioniert meist nur bei älteren, erfahrenen Sprachlernern mit hoher Sprachbewusstheit, denn der Transfer aus der Muttersprache kann zu Interferenzfehlern führen)

Wortschatzübungen

Jede Schülerin und jeder Schüler muss für jedes Lexem die Aussprache, Morphologie, die lexikalische Kategorie, die Bedeutung und die situationsangemessene Verwendung (Satzzusammenhang, Valenzeigenschaften) kennen.

In der Übungsphase bietet sich das Arbeiten an Stationen oder als Wochenplanarbeit an, bei dem Pflicht- und Wahlaufgaben zur Verfügung stehen. So kann einfach differenziert werden, da die Schülerinnen und Schüler mit den unterschiedlichsten Lernvoraussetzungen und Begabungen zu uns kommen. Das Ampelsystem (rot= schwer, gelb= mittel, grün= leicht) oder die Verwendung anderer Symbole haben sich bewährt.

Beim Wochenplan sollten verschiedene Sozialformen angeboten werden. Gruppenarbeit bietet sich bei Brettspielen oder Rollenspielen an. Andere spielerische Übungsformen können Memorys, Logico, Kreuzworträtsel, Suchsel, Bilderlotto, Bingo, Purzelwörter, oder -sätze sein. Beispiele für diese Übungsformen lassen sich unter dem Menüpunkt "Übungsformen" finden.

Auch Höraufgaben (z.B. mit Kopfhörer) sollten nicht vergessen werden (Schulung des Aussprachetrainings und Hörverständnis). Es kann auch eine gemeinsame Wortschatzkartei (Bild, Wort, Satz) für die Klasse angelegt werden.
Dabei unterscheidet man zwei verschiedene Übungsformen:

  • kognitive Übungen (vorkommunikativ)

Bei diesen Übungen steht die Orientierung an der linguistischen Dimension im Vordergrund. Ziel ist es, Vernetzungsprinzipie n im Gehirn zu aktivieren und eine Struktur aufzubauen. Dazu bieten sich verschiedene Übungsformen an: z.B. Antonyme, Synonyme, Wortfeld, Zuordnung (syntagmatisch: Nomen-Verb-Adjektiv), Wort-Bild.

  • situativ-pragmatische Übungen

Hierbei handelt es sich um realistische Kommunikationsaufgaben, bei denen die Fertigkeiten (hören, lesen, sprechen und schreiben) sowie die Morphosyntax und die Vertextung trainiert werden. Je fortgeschrittener die Schülerinnen und Schüler sind, desto freier und komplexer kann die Aufgabenstellung sein. Als Beispiele können hier Dialoge, Rollenspiel, Tagesablauf beschreiben und kreatives Schreiben genannt werden.


Elemente der Behaltenssteigerung

Folgende Elemente kann der Schülerschaft dabei unterstützen, den Wortschatz im Langzeitgedächtnis zu verankern. Sie basieren auf Kenntnissen aus der Gehirnforschung:

  • Einbettung in sinnvolle, sprachliche Kontexte,
  • Vielfältige Vernetzung in bestehende Strukturen,
  • Steigerung der Behaltensleistung durch visuelle Hilfsmittel,
  • Affektive Verankerung,
  • Anwendung in vielen Kommunikationssituationen (Sprachhandeln, Lernszenarios, Lerngänge),
  • Zyklische Wiederholung mit neuen Aspekten und steigendem Schwierigkeitsgrad,
  • Gleichzeitige Aktivierung verschiedener Kanäle/Sinne (Laut, Bild, Schrift),
  • Abwechslung der Lerneraktivitäten (alle 7-10 Min.),
  • Unterteilung in kleine Einheiten (größte Aufmerksamkeit am Anfang + Ende),
  • Vermittlung von Ausweichstrategien (in Sprech- und Schreibsituationen),
  • Vermittlung von Techniken der Wortschatzerschließung (Symbole, Farben, mindmap, Karteikasten, Wörterbuch, Merksätze).

Nähere Informationen über weitere Methoden des Lernens und Lehrens können Sie in dem Artikel „Gedächtnistechniken zur Erleichterung der Artikelzuordnung“  von Sperber H. nachlesen.


Literatur

Zitierte Literatur:

Freudenstein, Reinhold: "Wählen Sie Kanal 93!" Unterrichtsmaterialien für das 21. Jahrhundert. In: Informationen Deutsch als Fremdsprache 19/5. 1992. (S. 543-550); zitiert nach Günther Storch. 1999.

Literatur:

Storch, Günther: Deutsch als Fremdsprache – Eine Didaktik. Theoretische Grundlagen und praktische Unterrichtsgestaltung. München: UTB 1999