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Generell unterscheidet man folgende Ursachen von Aussprachefehlern, die durch die spezifischen Unterschiede der Herkunftssprache und des Deutschen entstehen:
1. Phonologische Strukturen (Laute, Intonation, bestimmte Silbenstrukturen) sind in der Muttersprache nicht vorhanden – sie müssen erst neu „angelegt“ werden, z. B. Tonsprachen (keine Intonation), /h/ in romanischen Sprachen, /r/ im Chinesischen, Konsonantencluster (Häufung von Konsonanten, z.B. im Deutschen: Strumpf) in vielen Sprachen.
2. Strukturen sind in Muttersprache und Zweitsprache vorhanden, werden aber phonetisch anders realisiert, d. h. anders ausgesprochen, z. B. Akzentuierung (Druckakzent, Tonakzent), Frageintonation, R-Laute, Vokallänge und/oder Qualität (/i/ klingt z. B. in vielen Sprachen sehr unterschiedlich)
3. Strukturen sind in beiden Sprachen vorhanden, werden aber phonologisch anders realisiert, d. h. sie werden zwar eventuell gleich ausgesprochen, aber es gelten andere Regeln für das Vorkommen der Strukturen, z. B. fester und beweglicher Wortakzent (im Deutschen: beweglicher Wortakzent, d.h. Betonung je nach Inhalt), Rhythmus, also silbenzählend (alle Silben sind gleich lang) versus akzentzählend (im Deutschen sind die Silben unterschiedlich lang), /h/ im Deutschen nur am Silbenbeginn (in anderen Sprachen auch am Silbenende).

Dies erklärt FILM Logo Frau Dr. Dahmen in dem Film.


Die Ursachen von Aussprachefehlern kann man auch nach den Kategorien Hören, Sprechen und Schreiben unterscheiden:
1. Interferenzen (Übertragungen zwischen zwei Systemen):
- Hörinterferenzen: Der sogenannte "muttersprachliche Filter" beeinflusst die Wahrnehmung der Zweitsprache; unbekannte Laute oder prosodische Muster werden falsch gehört (Prosodie betrifft in der Phonologie alles, was nicht mit einzelnen Lauten, sondern mit größeren Einheiten wie Silben, Wörtern und Sätzen zu tun hat).
- Sprechinterferenzen: Übertragung von phonologischen und phonetischen Eigenschaften aus der Muttersprache in die Zweitsprache.
- Schriftinterferenzen: Lernerinnen und Lerner leiten Lautbilder aus der Schrift ab, z. B. lange Konsonanten bei italienischen Lernerinnen und Lernern; mangelnde Auslautverhärtung.
2. Artikulatorisch-motorische Probleme: Schwierigkeiten, bestimmte Laute, Lautverbindungen oder prosodische Muster (Akzentuierung, Intonation etc.) richtig zu erzeugen.

WICHTIG: Die Ursache bestimmt die Auswahl der geeigneten Übungen. Artikulationsübungen alleine helfen nicht, wenn ein Wahrnehmungsproblem vorliegt.
Ist die Ursache eine Interferenz empfiehlt es sich, Übungen zur Bewusstmachung durchzuführen, z. B. Wahrnehmungsübungen, Regeln erläutern, sprachkontrastiv arbeiten („In deiner Sprache ist das so, aber im Deutschen ist das so.“). Ist die Ursache artikulatorisch-motorisch sollen Artikulationsübungen, Erläuterungen zur Stellung von Artikulatoren ("Wie wird der Laut gemacht?") angewendet werden.